Deutsch in Texas

Eine Einladung

Was heißt das wohl, deutsch in Texas zu sein? – So genau weiß ich das tatsächlich auch nicht – dabei bin ich deutsch in Texas. Man versteht sich wohl oftmals selbst am Wenigsten, und dann verlegt man sich, unter anderem, aufs Schreiben, um sich einem selbst ein wenig greifbarer zu machen.

Das Problem ist dreifach. Mindestens. Zunächst stellt sich die Frage nach dem Deutschsein. Es gab da mal eine Zeit in meinem Leben – als ich noch jung und etwas dumm war – zu der ich diese Frage mit „meh“ beantwortet hätte. „Meh“ ist ein leicht nasaler Laut, den man hier in Ameriken von sich gibt, wenn einem etwas nicht besonders wichtig oder gut erscheint. „Mein Deutschsein ist für mich weniger bedeutsam als mein Brilletragen!“, verkündete ich großspurig. Damit wollte ich wohl andeuten, dass die Brille auf meiner Nase, obschon ungeliebt, zumindest eine Funktion hatte. Mein Deutschsein war mir ungeliebt und hatte mir keine Funktion.

So dachte ich zumindest. Ach ja, wie naiv ich doch war.

Dann kam ich hier herüber. Und fand Freiheit. Und Geborgenheit. Und Sinn. Und ließ Deutschland weit hinter mir. So dachte ich. Und ertappte mich dabei, wie mein Deutschsein sich stetig, störrisch, immer wieder bemerkbar machte. Im Kleinen, vor allem. Es regt mich nach sechzehn Jahren immer noch auf, wenn einer seinen Blinker nicht anwirft. Oder Müll einfach in die Gegend schmeißt. Oder nicht krankenversichert ist. Oder stundenlang im Auto auf dem Parkplatz sitzt, mit dem Motor an, weil, da kann man sich so schön die AC (Klimaanlage) ins Gesicht blasen lassen, während man auf Facebook rauf- und runterscrollt – was geht mich schon das Klima an. Und, und, und.

Es macht sich im Kleinen bemerkbar, mein Deutschsein, aber auch im Tiefen. Ich träume auf Englisch und auf Deutsch, aber ich träume tatsächlich öfter von Deutschland als von Amerika. Es ist auch nicht das eigentliche Deutschland, von dem ich träume, sondern eine eher albtraumartige Version, mit endlos leeren Straßenzügen und gewaltig verworrenen Hausinneren, in denen ich auf und abwandere, zu genannten und ungenannten Zielen, unter vielen Fremden und wenigen Bekannten. Was eine ziemlich gute Zusammenfassung meiner Zeit in Deutschland ist.

Aber es sind nicht nur Träume. Es sind auch Eindrücke und Bilder. Hochnebel auf Waldhügeln und in Flussniederungen. Saftiges Gras und feuchtes, schweres Laub. Speckige S-Bahn-Böden. Die Kühle und der Duft eines grauen Herbstmorgens. Solches taucht immer wieder in meinem Erleben auf, vor jenem inneren Auge, mit dem man wahrhaft sieht. Es lässt mich nicht los, das Land, obschon ich meinte, es längst losgelassen zu haben. Mein Deutschsein scheint also eine Unabwendbarkeit zu sein – etwas, das ich weder hintergehen noch loswerden kann, und das ich von daher genauso gut als eine Gabe betrachten könnte.


Zweitens ist da mein Deutschsein in Texas. Nicht in Amerika allgemein, sondern spezifisch in jenem Staat, der sich mit Gusto von der Nation abheben und anders sein möchte. Das allein erklärt schon einen Gutteil meines Hierseins: ich fühlte mich in Deutschland nie zugehörig, und der einzige Ausweg aus so einem Selbstbild ist, sein Anderssein mit Stolz zu verkünden. Nun bin ich also in jenem Staat, der sich genau so auf die USA bezieht.

Überhaupt ist da so einiges an meinem Hiersein, das einfach Sinn macht. (Das ist übrigens ein Anglizismus – vgl. „to make sense“: als ich Kind war, hieß das noch „Sinn ergeben“.) Texas ist bockig, wie ich. Es will anders sein, wie ich. Es will sich auf gar keinen Fall sagen lassen, was es zu tun oder gar zu denken hat – das geht mir genauso. Aber es ist auch freundlich, nimmt Fremde gerne auf, und legt größten Wert auf die Dorfgemeinschaft. Ja, Dorfgemeinschaft. Das ist, finde ich, die beste Übersetzung für local community, obwohl in meinem „Dorf“ eine Viertelmillion Menschen leben. Aber ganz wie auf dem Dorf kennt man sich, wertschätzt man und bezieht sich auf einander, feiert des Anderen Erfolge und ehrt sein Vermächtnis. Das meint natürlich nicht Jeden – man kann hier genauso Außenseiter sein, wie ich es in Deutschland war. Aber dank einer gnädigen Fügung gehöre ich hier dazu, und wenn man hier dazugehört, ist man von mehr Wärme umgeben, als wenn man in Deutschland zugehört. (Zumindest vermute ich das – da ich in Deutschland kaum je dazugehörte, kann ich mir dessen nie so ganz sicher sein.)

Es will natürlich auch erwähnt werden, dass ich in Westtexas lebe. Weit vom Schuss, ländlich, und immer noch sehr vom Pioniergeist beseelt weiß man hier, besser noch als im Rest des Landes, dass Gemeinschaft keine Selbstverständlichkeit ist: sie muss erbaut und gepflegt werden, soll sich nicht auseinanderfallen. Man hört, dass das in Osttexas doch etwas anders ist, und in den großen Städten ja ohnehin.


So stellt sich dann, drittens, die Frage nach meinem Deutschsein in Texas. Was heißt das genau? Auf welche Weise ist das anders als Deutschsein in Deutschland, oder Nichtdeutsch in Texas? Wie habe ich mich verändert, in meinem Deutschsein und im Zuge meines Hierseins? Was ist das überhaupt, Identität, „jemand sein“, auf dieser doch eher vagen und abstrakten „Volks“ebene? Und so fort. Im weitesten Sinne ist das natürlich das Thema dieses Blogs. Um die Frage etwas einzugrenzen, kann man sie vielleicht so stellen: was ist meine Heimat? Was mein Zuhause?

Deutschland ist meine Heimat. Texas mein Zuhause. So würde ich wohl antworten, stellte mir einer diese Frage – auf deutsch. Auf deutsch, denn diese feine, schwerwiegende Unterscheidung treffen wir im Englischen nicht: hier heißt es home, egal ob man dort geboren wurde oder „nur“ verwurzelt ist. Im Deutschen aber klingt es seltsam, Texas als „meine Heimat“ zu bezeichnen. Es fehlt da wohl der Aspekt des Ursprungs, der unhintergehbaren Herkunft. Zuhause sein kann ich, wo immer ich mich zuhause fühle. Eine Heimat hat man aber nur im Singular.

Die Unterscheidung von Heimat und Zuhause scheint mir eine sehr deutsche zu sein. Im Englischen, wie gesagt, ist beides einfach home; im Französischen, bercail, was sowohl den Schoß der Familie meint, als auch das Land oder eine Region. (Wie sagen die Niederländer?) Ich frage mich manchmal, ob das aus der deutschen Auswanderungsgeschichte herrührt – so viele Millionen haben ihre Heimat verlassen, um anderswo, meistens in Ameriken, ein Zuhause zu finden, das ihre Kinder dann vielleicht Heimat nennen würden (so sie dann noch Deutsch sprächen).

Das bringt uns zu dem Ballast, den der Heimatbegriff mit sich führt. Wir sagen ja gerne mal, dass die Nazis ihn besudelt haben; und das stimmt wohl auch, ist aber beileibe nicht die einzige Bürde, die er trägt. Schon Jahrhunderte vor den Nazis war Heimat das, was man hinter sich lässt, weil es die Obrigkeiten – oder die Kultur, oder die Gesellschaft, oder meistens wohl einfach der Mangel und die Enge – einem widrig gemacht hatten. Das ist die ewige Geschichte der Auswanderung, und es ist auch die meine.

(Tief durchatmen.) Ja, ich bin hier, weil die Heimat mir widrig wurde. Es ist nämlich so: aus verschiedensten Gründen – familiär, geschichtlich, kulturell – war ich in Deutschland ein völliger Außenseiter: geografisch, gesellschaftlich, mental. Und nein, ich habe keinen „Migrationshintergrund“ – hundert Prozent „Biodeutscher“ hier. Es war dies einfach das Ergebnis der Umstände.

Ich erzähle euch davon später mal mehr. Einstweilen nur soviel: die Klammer und die Wurzel, die meine Hiersein und mein Dasein zusammenhält, meine Heimat und mein Zuhause zueinanderbringt und mir den Blick auf die gesamte Welt eröffnet: das ist mein Glaube. Und davon hört ihr dann nächstes Mal.

Was ist Weihnachten?

Weihnachten ist

das schlussendliche Warten auf
die Rückkehr Christi 

das erneuernde Hoffen, nachdem
all die Bomben nichts erwirkt haben, und
auch die Revolutionen nichts

das Sinken in die Stille nach
all unsrem Lärm

Weihnachten ist auch

die Liebe, die sich in Herzen stiehlt 
und ein Lichtlein entzündet

wie ein Dieb in der Nacht, so dass 
ein leises Tun unbemerkt 
erwirken kann, was 

das Dröhnen der Welt 
nicht vermag 

(c) Sliman Mansour, palästinensischer Künstler (via Gwyllm Llwydd Art)

Epheser 2,8-9

Denn durch die Gnade seid ihr gerettet, vermittels des Glaubens, und das nicht aus euch, Gottes Gabe ist es; nicht aus Werken, damit niemand sich rühme.

Nicht durch Gnade, nicht durch euren Glauben, 
durch Werke schon gar nicht:
Nein, einfach so, grundlos seid ihr errettet! Wer 
das erfährt, mag es kaum glauben, doch
wer es erlebt, der ist ganz Glaube: Das Leben,
ein Gnadengeschenk.

Fahrt: Eine Einsicht

Du fährst die nächtliche
Landstraße entlang, das Fenster
halb offen. Der kalte

Duft der Fichten, sternumflimmert,
spricht von Welt und Anderwelt: dem
selbstbetanzten Universum und dem,
der mit ihm ins

Ungreifbare tanzt. Der Blick
aufs Armaturenleuchten spricht von der
Menschenwelt: messbar, verlässlich, und
bei leichtem Kopfdreh schon zu Ende. Beides ist,

auf seine Weise, gut. 

Wo bin ich wirklich?

Ein Traum von Deutschland: barfuß
komme ich zum Hauptbahnhof. Keine
Tasche auf dem Rücken, keinen
Plan. Drogen gibt es hier, doch keine
Richtung. Ich wundere mich, da
überholt mich eine junge Frau
und lächelt mich an. Wo
bin ich wirklich?

Erwachen in Texas: ein neuer Tag
unterm weiten Himmel. Kaffee,
Kindergezeter, ein warmer
Morgenherbst. Erinnerungen,
vage, an die Freundlichkeit
auf dem Vorplatz. Wo
bin ich wirklich?